Die Vorbereitung des Martinspferdes auf den Martinszug
Wer Pferde sein Eigen nennt und auf dem Dorf wohnt, ist bald bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Wer dazu noch Kinder und diese in der örtlichen Schule untergebracht hat, zieht die pferdebegeisterten Mitmenschen geradezu magisch an. Da bleibt es nicht aus, dass irgendwann sogenannte Ehrendienste per Pferd erbeten werden. In der Herbstzeit ist es dann alle Jahre wieder der Martinsritt. Die Freude über die erwiesene Ehre ist je nach Temperament mehr oder weniger groß, für den Reiter stellt sich höchstens die Frage, ob er sich in ein Kostüm eines römischen Soldaten zwängen will. Hat er das für sich positiv entschieden, kommt das eigentliche Problem:
Wie bereite ich mein Pferd auf den Martinszug vor? Zwar hat man ein liebes Pferd, nicht gerade einen Schimmel, aber ein echter Kumpel. Im Gelände geht er ja durch Dick und Dünn und Feuer hat er auch schon oft gesehen, wenn Holzreste und Strohkehricht auf seiner Hausweide verbrannt werden, was aber wird er zu den vielen Kindern mit den bunten Fackeln meinen, wie wird ihm die Kapelle, die ja wieder mal mit der dicken Trumm üppig umgeht, gefallen? Und dann das riesengroße Martinsfeuer, so was hat er ja noch nie gesehen!Was soll´s, zugesagt ist zugesagt, die Sache muss geübt werden. Zunächst die Dunkelheit, da gibt es jetzt reichlich Gelegenheit. Der Ausritt am späten Nachmittag reicht bis in die Dämmerung hinein und bietet die erste Gewöhnungsmöglichkeit. Die Strassen und Wege im Ort, die bei Tageslicht so vertraut sind, bergen bei Dunkelheit ungeahnte Überraschungen. Lichter von Häusern und Fahrzeugen blenden, Geräusche kommen aus nicht auszumachenden Ecken. Die Ohren spielen in alle Richtungen, der ganze Kerl ist aufmerksam bis in die Zehen, Unruhe zeigt sich nicht. Eigentlich macht er das ja sehr schön, hier zahlt sich die vertrauensvolle Zusammenarbeit der letzten Zeit aus. Pferd und Reiter schlendern entspannt durch die Nacht. Noch ein-, zweimal üben, dann geht´s an die nächste Lektion. Das Kostüm des St. Martin ist sehr schön und hat einen langen, wallenden Mantel. Dazu ein Schwert, mit dem dieser Mantel geteilt werden soll. Da das Kostüm noch friedlich in seiner Mottenkugelhülle ruht, muss eine leichte, flatterige Pferdedecke herhalten. Sie wird auf das ungesattelte Pferd gelegt, mit einem Deckengurt befestigt und bei einer kleinen, geführten Runde im Schritt und Trab getestet. Eine Windboe fegt unter das Tuch, hoch weht der Wams, das Pferd trägt´s mit Fassung, hat es wohl schon gekannt. Also kann gesattelt und die Decke als Mantel umgehängt werden; schön hinten weit über die Kruppe. Wenn diese Aktion gelingt, kann der Reiter ja mal eine Mantelteilung wagen. Ein zum Schwert umfunktionierter Knüppel hebt den Mantel an und gleitet geräuschvoll am Saum entlang, worauf das Pferd gelassen stehenbleiben sollte. Schliesslich soll der warme Mantel ja dem Bettler überreicht werden, ein hampelndes Pferd wäre hier fehl am Platze. Damit das Pferd sich nicht gar so vor dem wallenden Gewand fürchtet, zieht der Reiter sich bei Herbstwetter seinen Regenmantel oder Poncho öfters auf dem Pferd aus und an.Problematisch gestaltet sich die Sache mit den Fackeln. Sie tauchen hierzulande eben nur einmal im Jahr auf, wie also stellt man seinem Pferd die geisterhaften Glitzerdinger vor? Die Gelegenheit ergibt sich aber doch bei den Vorbereitungen der Schulkinder auf den Martinszug: dem "Dotzgang" (trad. Bettelgang um Geld für den Martinszug und Süsses für die Kinder, üblich in einigen Gemeinden im Rheinland). Da geht St.Martin mit seinem Pferd natürlich mit ( in Zivil), lernt die Fackeln kennen, macht Bekanntschaft mit den Kindern und trägt den einen oder anderen müden Sammler zurück nach Hause. Bleibt noch das grosse Feuer. Da gäbe es die Möglichkeit bei anderen Martinsfeuern mitsamt Pferd zuzusehen, wäre nicht der Umstand, dass zwei Pferde, die am Feuer auftauchen, zu erheblichen Verwirrungen beim Publikum führt. So bleibt nichts anderes übrig, als es darauf ankommen zu lassen. Im Vertrauen auf das Zusammenspiel zwischen Pferd und Reiter rückt der Tag des grossen Umzuges näher.
Es wird Ernst Das Kostüm wird aus dem Fundus geholt und kann schon mal beschnuppert werden. Komisch sieht der Reiter jetzt schon aus, so mit Schwert und Helm und Mantel, die Proberunde abseits der Öffentlichkeit verläuft ohne nennenswerte Komplikationen, lediglich der Reiter muss sich auf etwas eingeschränkte Bewegungsfreiheit einstellen. Vorsichtige Reitweise ist angesagt, da der Helm mit der Bürste zwar ungeheuer schmückt, der Sicherheitsfaktor beim Sturz ist aber mehr als fraglich. Hier ist es Zeit, sich über die Vorsichtsmassnahmen beim Umzug Gedanken zu machen. Die oft gesehene Praxis, Dass ein Helfer das Pferd am kurzen Zügel hält, kann nicht befriedigen, weil die reiterliche Einwirkung dann zu stark beschränkt ist. Immerhin spürt ein erfahrener Reiter früher als ein Begleiter, wann das Pferd sich verspannt und wegzudrücken. versucht. Also werden drei bis vier freundliche junge Damen ( St. Martin mag das!) aus dem benachbarten Reitstall zum Lohne eines Martinsweckens engagiert, um den Platz von St.Martin und seinem Pferd innerhalb des Zuges an den Seiten abzusichern. Ach ja, Pferde in Umzügen werden, wie man hört, immer chemisch beruhigt; was tun? Gibt man ihm eine Dosis, latscht er gemächlich durch den Trubel, wird der Weg aber länger und will St.Martin sich am Feuer reitend zeigen, dann spielt der Kreislauf evtl. nicht mehr mit. Gibt man ihm nichts, nimmt der Reiter in Kauf, dass sein sonst so ruhiger Kamerad ob des leuchtenden und lärmenden Gewusels zumindest in der Abfangszeit schon mal mehr seitwärts als vorwärts geht. Hier entscheidet der Reiter, der sein Pferd und sein Verhältnis zu ihm genau kennen sollte. Merke: Nichts rechtfertigt einen Unfall beim Umzug aufgrund von Selbstüberschätzung!
Der Zug stellt sich auf. Eine halbe Stunde vorher ist St. Martin mit frisch geföntem Pferd und blank geputzten Stiefeln auf seinem Platz am Zugweg. Still stehen sie an einer Ecke wo man gesehen wird und die heranströmenden Massen beobachten kann. Kinder fragen nach dem Namen des Pferdes und ob man es mal streicheln könne und er lässt es sich gefallen. Die vier Eckhelfer schirmen den Schlupfweg hinter dem Pferd ab und lotsen die Kinder an den Kopf. Zur Entspannung reitet St. Martin einige Meter hin und her, beguckt den Polizeiwagen, der nachher mit Blaulicht die Strasse absperren wird. Dann ertönt das erste Bumm Bumm, es geht los. Schlagartig kommt Unruhe auf, jetzt ist höchste Konzentration erforderlich. Eine Wand von Kindern, Fackeln und Musik kommt auf das Pferd zu.Gut, das da die Nische ist, aus der der Vorbeimarsch des Zuganfanges beobachtet werden kann. Die Helfer öffnen eine Lücke im Zug und langsam reiht sich das Paar ein. Es geht besser als gedacht; mal guckt er rechts, mal dreht er links- soll er doch. Die Abschirmung durch die Helfer funktioniert gut, das Pferd beruhigt sich allmählich, die leichten Hilfen kommen an. Beim ersten Stocken steht er rückwärts und schaut sich das Volk an, dann geht es weiter, die steil abfallende Dorfstrasse beschäftigt ihn. Nach zehn Minuten kann er schon wieder ruhig im Schritt gehen. Sein hoch aufgerichteter Hals und sein aufgeregtes Kauen auf dem Rollerbit lassen ihn würdevoll erscheinen, manch Zuschauer spart nicht mit Komplimenten. Einige Häuserreihen am Dorfrand noch, dann erscheint das schon brennende Martinsfeuer auf dem Sportplatz. Was für ein gewaltiger Haufen!
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Hell lodern die Flammen, die Hitze wird schnell spürbar, Funken wehen auf Ross und Reiter zu, die Helfer bahnen den Weg durch die Menge. Martins Ross ist bass erstaunt ob dieses Flammenspektakels. Die Ohren spielen in Richtung Feuer, die entgegenkommende Hitze ist schon ein Grund zum Fürchten. Langsam wird das Feuer umrundet, zuerst in weiten Kreisen, dann immer enger, bis St. Martin mit seinem mutigen Pferd neben dem Feuer steht und nassgeschwitzt die versammelte Schar anschaut. Der Bettler erscheint und der Mantel wird geteilt, was gar nicht so einfach ist, mit einer Hand. Mittlerweile steht das Ross still beim armen Mann und stört sich auch nicht besonders an dem flatternden Mantelteil, das dem Bettler übergeben wird. Noch eine Runde mit erhobenem Schwert und wehendem Mantel im Trab um das Feuer, dann streicheln die Kinder den braven Fuchs, und das mag er besonders. Immer wieder drängen sie sich zu ihm heran, bis nach einer halben Stunde St.Martin den Heimweg antritt.
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